Holstein Jungzüchter im Pustertal unterwegs

Am 18. Oktober 2014 lud der Holstein Jungzüchterverein alle Mitglieder und Interessierte zu einem Nachmittag mit Betriebsbesichtigungen und anschließendem Törggelen ins Pustertal ein. Bei schönstem Herbstwetter und fast noch sommerlichen Temperaturen trafen sich um  14.30 Uhr 11 begeisterte Anhänger der Holsteinzucht bei der Viehvermarktungsanlage in St. Lorenzen und machten sich gemeinsam auf dem Weg nach Mühlen in Taufers- zum Huberhof von Martin Rederlechner.

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Der Huberhof feiert heuer sein 10-jähriges Bestehen als Ziegenzuchtbetrieb. Bereits vor ca. 20 Jahren wurden Milchziegen gehalten und mit den Jahren wuchs beständig die Anzahl der Herde. So wurde vor ca. 10 Jahren der Betrieb von Kuhmilch auf Ziegenmilch umgestellt.

Im dafür eigens errichteten Aussenklimastall finden heute insgesamt 203 Milchziegen ihren Platz. Daneben werden noch 8 ha Grünland im Tauferer Boden bewirtschaftet. Ein weiterer Betriebszweig vom Huberhof ist “Urlaub auf dem Bauernhof“. Der Stall besteht fast ausschließlich aus Beton und Eisen, da die Ziegen eifrig „als Handwerker“ den ganzen lieben langen Tag herumwerkeln. Hauptaugenmerk beim Stallbau war das Konzept von höchster Licht – und Luftdichte. Alle 2 Monate wird eigens mit einem Traktor ausgemistet und die Laufflächen anschließend identifiziert. Erst vor kurzem wurde angrenzend ein neuer Kitzstall mit Spaltenboden  (bessere Hygienebedingungen) errichtet.

Martin Rederlechner züchtet auf höchstem Niveau. Die ersten 100 Kitze wurden aus einem Freien Bestand aus Norddeutschland angekauft. Mittlerweile deckt er den Bestand mit seiner eigenen kontrollierten Zucht. Dabei lehnt er sich an das CH-System, das der Fruchtbarkeit und dem Zellgehalt höchste Priorität unterstellt. Dank künstlicher Besamung (zu 70%) ist es ihm als Eigenbestandsbesamer möglich, beste Genetik einzukaufen. Das Samenmaterial bezieht er über die Vereinigung der Südtiroler Viehzuchtverbände und mittlerweile wird fast nur mehr auf französische Genetik zurückgegriffen.

Die Brunst wird saisonal künstlich eingeleitet. Martin Rederlechner teilt dafür seine Herde in 2 Gruppen ein- Abkalbesaison ist im Frühjahr. Nach 2-monatiger Trockenstehzeit (5 Monate Trächtigkeit) wird jede Ziege wieder ca. 2 Jahre durchgemolken. Die neugeborenen Kitze bekommen 3-4x Biestmilch verabreicht (kein direkter Kontakt mit Muttertier) und werden bis zu 6 Wochen mit Milchpulver aufgezogen. Die Aufzucht erfolgt in einem zugepachteten Stall. Pro Jahr werden ca. 60-70 Jungkitze aufgezogen.

Das Herzstück des Betriebes ist mit Sicherheit auch die Melkkammer- eigens konzipiert für Ziegen mit Abschaltautomatik und Kraftfutterautomat. Dort melkt Martin Rederlechner 2x täglich in 1,5h seine 203 Milchziegen in einem 20-Tandemmelkstand- 20 Min. pro Melchgang. Mit einem Zellgehalt bis zu 1 Mio.befindet sich Martin Rederlechner immer noch in der Superklasse der Milchqualifizierung. Ziegenmilch ist nach wie vor Hoch im Kurs, auch wenn es sich hierbei um einen sehr sensiblen und schwankenden Markt handelt. So kann es durchaus vorkommen dass die Wintermilch in die Höhe schnellt. Der Huberhof kann stolz einen Stalldurchschnitt von 1.200kg/Tier/Jahr vorweisen. Aber auch Spitzenleistungen von 1.400 – 1.600 kg Milch/Ziege sind keine Seltenheit. Einige von seinen sogenannten „Spitzengeisen“ erbringen eine Tagesleistung von stolzen 8 kg Milch. Gemolken werden täglich 600l Ziegenmilch. Die Milch wird auf 4C°abgekühlt und jeden 3. Tag an die Senni in Bruneck geliefert. Die Verarbeitung erfolgt aber dann größtenteils im Algunder Sennereihof.

Ziegen sind empfindsame Herdentiere, die sehr schnell auf Veränderungen, Wetterumschwünge  oder Krankheiten reagieren. Eine Weidehaltung schließt Martin Rederlechner somit vorsätzlich aus. Die Messlatte zu den alltäglichen Hygienemaßnahmen ist dementsprechend hoch. Für die Stallbesichtigung mussten zB alle eine Art Stiefelstulpen anziehen- nur so kann ein virusfreier Bestand gewährleistet und die Übertragung von Krankheiten vermieden werden. Auch beim Fressen zeigt sich die Milchziege von ihrer wählerischen Seite- die Futterrückstände bekommen so die hofeigenen Tiere (Pferde, Hasen). Die Tagesration der Milchziegen setzt sich aus einer Mischung von Heu, Luzerne und eigens konzipierte Getreidemischung (ca. 1,3kg /Tier)Tag) zusammen. Alle 4 Monate wird die Klauenpflege durchgeführt und laut Martin Rederlechner entpuppt sich dies zu einer Knochenarbeit.

Die Besichtigung des Huberhofes gab den 11 Ausflüglern einen kleinen Einblick in die Welt eines Ziegenmelkbetriebes und es konnten einige Parallelen zwischen Kuh und Ziege gezogen werden. Eifrig bezog man am Ende der Stallbesichtigung  Stellung für ein Abschlussfoto vor dem Stalleingang und der eine oder andere konnte doch schlussfolgernd sagen: „I bleib liaber ba meine Kiah…!“

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Es folgte noch ein kleiner Abstecher in die Senni-Bar, da der eine oder andere Durst und Hunger bekam und zum Törggelen doch noch einige Stunden dazwischen lagen. Dort wurde innerhalb der Gruppe noch eifrig diskutiert und jeder konnte sein Feedback abgeben.

Kurvenreich gestaltete sich die Fahrt ins Gadertal zum Runchhof der Fam. Nagler nach Abtei. Doch schließlich konnte bei all den kleinen Straßenabzweigungen doch noch die Zufahrt gefunden werden, wo uns schon Jungbauer Thomas Nagler erwartete.

Der Bauernhof Runch befindet sich am Fuße des Naturparks Puez Geisler, Weltnaturerbe der Unesco und liegt umgeben von grünen Wiesen und Wäldern oberhalb des Dorfes Badia (Pedraces). Seit Jahren ist der Bauernhof über alle Grenzen hinaus bekannt, wegen der typisch ladinischen Küche, welche täglich im Restaurant geboten wird. Seit dem Sommer 2009 gibt es nun auch die Möglichkeit auf dem Hof in einem im typischen Stil errichteten Apartmenthaus zu wohnen. Doch für Südtiroler Holsteinzüchter ist der Runchhof längst als Aushängeschild für beste Holsteingenetik bekannt.

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Auch die Noriker Pferdezucht hat in Runch eine lange Tradition. Die Stuten haben nämlich bei Ausstellungen und bei der Stammbuchaufnahme verschiedene Preise eingeholt. Zurzeit sind zwischen den Zuchtstuten und Fohlen insgesamt 8 Pferde auf dem Hof. Aus dem hofeigenen Wald wird das Holz gewonnen, welches für die ordentliche sowie außerordentliche Instandhaltung benützt wird. Das Restholz wird für die eigene selbstständige und ökologische Hackschnitzheizanlage verwendet.

Die Hauptaktivität des Bauernhofes besteht in der Milchproduktion. Insgesamt werden 22 ha Wiesen gemäht, wobei sich ein Teil über 2.000 Metern befindet. Daraus ergibt sich eine hohe Qualität des Rohfutters und somit auch der Milch. Diese wird zum Teil für den eigenen Bedarf am Hof verwendet und der Überschuss wird der Sennerei Senni in Bruneck geliefert und zu Käse veredelt (silofreie Fütterung). Sogleich kam auch die Rede zur heurigen Heuernte-Situation auf. Diese widerspiegelte sich heuer als äußerst kniffelig: So konnte auf einigen Hängen erst Ende August der 1. Schnitt eingefahren werden. In den guten Schnittlagen wurde erst am 24. September der 2. Schnitt angesetzt. Man hat bereits starke Bedenken was die Heuqualität anbelangt. Thomas Nagler kann sich nur zu gut daran erinnern, welche Probleme die schlechte Heuqualität von 2013 mit sich brachte.

Der Züchterstall Runchhof genießt seinen guten Ruf als Holsteinbetrieb auch weit über die Landesgrenzen hinaus. So war es auch nicht weiter verwunderlich, dass der 9. Convent des Dairy Club A.G.A.F.I. (Associazione Giovane Allevatori Frisona Italiana) auch den Weg zur Familie Nagler fand (vollständiger Bericht nachzulesen im BIANCONERO- Ausgabe 8. September 2014).

Jungbauer Thomas stellte uns dann im Stall jede Kuh einzeln vor und kommentierte zu jeder ein Stück Zuchtgeschichte. Auch konnten wir uns davon überzeugen was eine Kuh vorweisen müsste, um das Prädikat „Excellent“ tragen zu dürfen. Der Betrieb konnte im Laufe seiner Zuchtgeschichte schon einige Kühe mit einer Punktierung von P.90 sein Eigen nennen. Heute stehen zB  neben Runch-Talent-Gana (P.90) weitere 3 Anwärter (jeweils mit P.88) für das Excellent-Prädikat in den Startlöchern. Auch die Siegerin der Holsteingruppe  Kalbinnen der 1. Gemeinsamen Jungzüchterschau am 04.04.14 in Bozen, „Runch-Advent-Rose-Red“  sowie ihre 2.Platzierte  „Runch-Atwood-Elegance“ konnten als Erstlingskühe bestaunt werden. Dem damaligen Preisrichter konnte schließlich rechtgegeben werden, der ihnen vorweislich bereits ein wachsendes Potential für eine erfolgreiche Zucht bescheinigte. So war es auch nicht weiters verwunderlich, dass sich bereits erste Verkaufsgespräche anbahnten, da den einen oder anderen der Gedanke gefiel, sich in eine  erfolgreichen Kuhlinie einzukaufen.

Der Kuhkomfort wird bei Runch großgeschrieben- trotz Anbindestall! Die 10 Kühe stehen alle in einem hohen Strohbett und alle sind schon „fein“ zurechtgemacht (gefittet, geputzt…) als würden sie demnächst an einer Rinderschau teilnehmen. Die Aufzucht erfolgt in einem eigens erst kürzlich errichteten Außengebäude mit ganzjähriger Weidehaltung. Dieses System funktioniert für den Runchhof einwandfrei und ist den Zeitaufwand (für die Hinfahrt zum Gebäude) allemal wert. Dort konnten auch die beiden ausgewählten Jungrinder für die Eliteversteigerung am 15.11.14 in St. Lorenzen begutachtet werden.

Als alle Fragen gestellt und alle Antworten gegeben waren, konnte zum gemütlichen Teil des heutigen Jungzüchtertages übergegangen werden- zum Törggelen.

Das Restaurant des Runchhofes befindet sich im ältesten Gebäude des Bauernhofes, welches 1712 errichtet wurde. In den typischen Südtiroler Stuben wird täglich ladinische Kost angeboten. Die Familienmitglieder selbst  stehen am Herd und bedienen die Gäste- also ein typischer Familienbetrieb.

Das Törggelemenü ließ keine Wünsche offen. Besonders  von den typischen ladinischen „Turtres e cajini arestis“ konnte sich so manch einer nicht mehr satt essen. In geselliger Runde und mit einem zünftigen „Verdauungsschnapsl“ wurde noch einmal auf diesen ereignisreichen Jungzüchtertag angestoßen- mit dem Versprechen, auch beim nächsten Ausflug mit von der Partie zu sein!

Eschgfäller Tanja

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