Auf den Spuren von Prince & Co…

Am Wochenende des 05.-06. Dezember 2015 machten  sich 13 begeisterte Holsteinfans nach Mittelitalien auf um gute und bewährte Holsteinzucht zu besichtigen. Als Reisebegleiter und Organisator der Lehrfahrt fungierte der Ital. Holstein Nationalexperte Paolo Giusto. Höhepunkt war zweifelsfrei die Besichtigung der Besamungsstation INTERMIZOO- gefolgt von den Zuchtbetrieben Az.Agr.Boldin und Az.Agr.Ca’dei Volti. Auch der Genuss von traditioneller Italienischen Küche kam keineswegs zu kurz und so manch einer eine Vorliebe für Fisch und Radicchio entwickeln konnte.
Auch wenn sich die Teilnehmerzahl nur auf 13 Mann beschränkt-  kein Einzelner konnte nach diesen 2 Tagen bemängeln, nicht einige neue und  leicht umsetzbare Tipps für die Holsteinzucht mit nach Hause genommen zu haben!

INTERMIZOO
Nur 500 m vom Meer (Brussa di Caorle) erstreckt sich die Besamungsstation INTERMIZOO. Schon beim Aussteigen ließ sich erahnen, dass Genauigkeit und Sauberkeit einen wichtigen Schlüssel zum Erfolg des Betriebes beiträgt. So war es auch nicht weiteres verwunderlich, dass zur Vorsorge von Einschleppung von Krankheiten jeder grüne  „Sack-Schuh-Gummi-Stulpen“ anziehen durfte. Schnurstracks ging es auch schon ins Herzstück der Besamungsstation.  Von einem erhöhten Saal mit Blick in den Stall, konnte sich die Truppe einen ersten Einblick des „Produktionsstalles“ verschaffen.  Dort werden die zurzeit aktuellen  und nachgefragten Stiere in Einzelboxen gehalten. Und schon ging es los mit der Stiergala! Nacheinander wurden Stiere vorgeführt, die im Besamungsprogramm des Südt. Rinderzuchtverbandes aktuell sind bzw. waren.
•    Den Anfang machte Kerpen-P (Supersire x Man-O-Man x Planet): der derzeit  5. höchste polled Stier mit GTPI +2542!
•    Mit Brasiliero (Balisto x Epic x Man-O-Man) folgte ein weiterer genomischer Stier vom Besamungsprogramm 2016: ein Fundament – Vererber  und dank seines hohen Wertes für Leichtkalbigkeit durchaus für Kalbinnen geeignet.
•    Sodann folgte auch schon einer der im Jahr 2015 in Südtirol  mehrfach eingesetzte Stier Galactico (Galaxy x Bookem x Shottle):  sein Fundament und Gang  unterstrich seinen hohen Wert in der Fundamentvererbung und dass er auch weiterhin zu den Großen zählen wird (+ in Lebensdauer, Fruchtbarkeit, Leichtkalbigkeit) blieb aufgrund seines Erscheinungsbildes ohne Zweifel.
•     Der Pince-Sohn Milito (Prince x O-Man x Skywalker) ist zurzeit der 6. höchste Stier der Italienischen Zuchtwertliste nach PFT: seine Vererbungsschwerpunkte in Fundament, Zellzahl, Fruchtbarkeit, Lebensdauer und Leichtkalbigkeit ergeben einen PFT von 2495.
•     Den Abschluss der  Stiergala bildete kein geringerer als der 12-jährige Prince (Britt x Mtoto x Skywalker): mit seinem hervorragenden Fundament ließ er seinen Sohn Milito und die vorangegangenen Stiere fast alt aussehen.  Noch heute kann er mit seinem hohen Werten in Fundament, Fruchtbarkeit, Lebensdauer und Leichtkalbigkeit aufwarten. Er unterstreicht somit das Credo von Intermizoo, dass genau diese Parameter maßgeblich zum Erfolg und Wirtschaftlichkeit eines funktionierendes Betriebes beitragen. Aufgrund seiner Nachfrage bewältigt er noch fast 2x die Woche einen Sprung/Absamung.
Nach diesem Schaulaufen ging es weiter ins Labor, wo nochmals in Einzelheiten die gesamte Prozedur vom Sprung bis zu den Samenfialien aufs Genaueste erklärt wurde.
Einige Eckdaten zum Betrieb:
•    Im Betrieb arbeiten zurzeit 6 Stallarbeiter und 2 Personen im Labor
•    Insgesamt stehen 3 Ställer zu Verfügung: 2  für die Wartestiere und einen als Produktionsstall
•    Die Stiere kommen mit etwa +10Monaten in die Besamungsstation nach Caorle
•    Montag, Mittwoch und Freitag ist „Absamungstag“ (07.00- 16.00 Uhr dauert die Produktion der Samenfiale pro Sprung)
•    Ein erwachsener Stier schafft pro Sprung etwa 500-800 Samendosen
•    In einer konventionellen Samenfiale befinden sich etwa 20 Mio. Spermien; eine gesexte weist noch 2 Mio. Spermien auf
•    Alle produzierten Samendosen kommen vor Gebrauch 30 Tage in Quarantäne (d.h. in einen auf -140C° gekühlten Behälter)

AZ.AGR.BOLDRIN
Angekommen in Mirano, erwartet die 13 Teilnehmer ein mit viel Begeisterung und Einsatz geführter Familienbetrieb mit ca. 200 Stück Holstein. Die Brüder Boldrin Giuseppe und Renato begrüßen die kleine Schar Südtiroler und beschreiben die Wirtschaftsweise und Ziele ihres Betriebes:
•    Zurzeit befinden sich ca. 156 Kühe und 53 Jungrinder auf dem Betrieb (kein Zukauf von Tieren seit 50 Jahren)
•    Da der Betrieb sich in einer relativ „kuhschwachen Zone“ befindet, ist das IBR-Risiko hier ziemlich gering- auch Boldrin kann sich als IBR-frei ausgeben
•    Der Betriebsdurchschnitt liegt bei 10.466kg Milch mit 4,11%Fett und 3,26% Eiweiss (Provinzdurchschnitt:9.282kg Milch). Auch beim Zellgehalt von 106.000 (Messung am 03.11.15) befindet sich der Betrieb ganz klar über den Provinzdurchschnitt von 402.000
•    Die Milch wird an eine örtliche Genossenschaft geliefert und zu Grana Padana veredelt- der Milchpreis liegt zurzeit bei ca. 0,36€/kg Milch
•    Seit Jänner 2015 fand ein Umdenken in der Betriebsstrategie statt. Zuvor wurden jährlich etwa 35 Erstlingskühe verkauft. Nun setzt man auf Einkreuzung mit Blau-Beglier und züchtet nur mehr für den Eigenbedarf. Das ermöglicht einen jährlichen Gewinnzusatz  von +10.000€ und trägt maßgeblich zur verbesserten Wirtschaftlichkeit des Betriebes bei
•    Das Vieh wird in 2 Ställen gehalten: Eine Einheit bilden die Erstlingskühe, Jungrinder und 8-9 Monate Trächtige Kalbinnen (in einzelnen Bestände unterteilt) und die 2. Einheit sind die „Melker“.
•    Das Erstkalbealter wurde auf 24 Monate herabgesetzt. Sie möchten so die Linie von Erstlingskühen mit viel Entwicklungspotential einschlagen!
•    Alle Kalbinnen und Kühe bekommen ca. 1 Monat vor Abkalbung eine Diätfütterung- so konnten vielen Nachgeburtsproblemen entgegen gewirkt werden
•    Langlebigkeit wird bei den Brüdern groß geschrieben: 35.000-50.000 kg Milch liegt der Lebensleistungsdurchschnitt der Boldrin-Kühe
•    Bei der Stierauswahl setzen die Brüder vermehrt auf Fitness, Stärke, Langlebigkeit und Fundament- Stiere mit negativem Zuchtwert in Zellzahl und Langlebigkeit kommen nie zum Einsatz
•     Mit Hilfe des Index zur Stierbeurteilung Triple aAa  setzt sich ihre Kuhherde zu einer sehr homogenen Gruppe zusammen
•    Durchschnittspunktierung des ersten Halbjahres 2015 lag bei 81,6P.
•    Die Herde geht vermehr  auf die 3 Linien von Skywalker, Iron und Marzo zurück. Prince-, Fibrax-, Marzo- Watha- und Activetöchter machen den Großteil der Herde heute  bei den Kühen aus; bei den Kalbinnen findet man mehrfach die Stiere Mascalese, Bogart, Mincio und GoldenDreams
•    Die meisteingesetzten Stiere der letzten 12 Monate sind/waren Glorioso, Silver, Prince, Poison und GoldenDreams
•    Prince ist für die Brüder Boldrin nach wie vor der Stier mit dem vollkommensten Zuchtwertpaket- sie schätzen bei den Prince-Töchtern die Korrektheit im Erscheinungsblid  die Resistenz gegenüber Krankheiten und vor allem den „normalen und ruhigen“ Charakter
Bei heißem Tee, Kaffee und Panettone wurde die italienische Gastfreundschaft wiederrum bewiesen und noch so einige Details und Fachgespräche mit den Boldrin-Brüdern geführt. Jeder Teilnehmer konnte bei dieser Betriebsbesichtigung seinen Interessensschwerpunkt finden und es mit der Praxis vergleichen- für die einen die Aufstallungsform, Fütterung, Boxeneinstreu, Gruppenunterteilung  oder Stierauswahl… und für einzelne eben der brandneue Zago-Mischwagen!

AZ.AGR.CA’DEI VOLTI
Hinter diesem Namen versteckt sich die Besitzerin Cecchin Nadia mit ihrem Mann Cobalchini Francesco (Direktor und Sire Analyst von INTERMIZOO). Der Familienbetrieb mit ca. 140 Kühen und ca. 70 Jungvieh liegt  in der Ortschaft Dueville. Francesco Cobalchini und seine Tochter erwarteten die Züchtergruppe und bevor es in den Stall ging, wurden die wichtigsten Betriebspunkte erörtert:
•    Der Betrieb zeichnet sich nicht durch Schaukühe aus, sondern es werden durchschnittliche, körperkorrekte und langlebige Kühe gezüchtet
•    Das Vieh wird in 2 nebeneinanderliegenden Ställen gehalten- inmitten immer wieder Abtrennungen der einzelnen Altersgruppen und Kühen (Frischmelker, Altkühe, Trockensteher, Problemkühe…).
•    Der Betrieb kommt ohne Zukauf aus und jährlich werden ca.  20 Erstlingskühe verkauft
•    Bei einem Betriebsdurchschnitt von 11.357kg Milch 3,48% Fett und 3,22 Eiweiss hebt sich der Betrieb deutlich über den Provinzdurchschnitt (9.423kg Milch) hervor
•    Die Milch wird an der örtlichen Genossenschaft geliefert und auch zu Grana Padana veredelt. Dadurch gewinnen auch die Inhaltsstoffe immer mehr an Bedeutung und tragen maßgeblich am Auszahlungspreis bei- so wird z.B. auf Eiweiss 0,07€ und auf Fett 0,02€ ausbezahlt
•    Gemolken wird 2x täglich in einem 7×7 Fischgrätenmelkstand.
•    Mit bereits 12-13 Monate werden die großteils homogene Gruppe Jungrinder bereits besamt und somit auf ein Abkalbealter von 24 Monaten zugesteuert. Bei der Besamung der  Erstlingskühen lässt man hingegen  eher einige Monate mehr verstreichen-  dieser eingeschlagene Weg brachte dem Betrieb eine erhöhte Langlebigkeit der Kühe mit sich
•    Seit einigen Jahren wird darauf hingearbeitet, die Abkalbungen im Sommer  zu vermeiden und sie verstärkt in den Zeitraum zwischen September und Jänner zu dirigieren
•    Bei der Stierauswahl werden klare Zeichen in puncto Langlebigkeit, Fundament, Produktion (kg Eiweiss) und Ausgeglichenheit gesetzt- Goldwynsöhne kommen eher selten zum Einsatz
•    Die meisteingesetzten Stiere der letzten 12 Monate sind/waren Milito, Ludico, Glorioso, Sciaquá und Surefire
•    Bei den Jungrindern findet man vermehrt  Töchter der Stiere Surefire, Caravaggio, Milito, Twist und Evonymon; hingegen bei den Kühen sind die Princetöchter in der Überzahl- darauf folgen die Töchter von  Parocas, Misis, Twist und Duko
•    Der Betrieb schätzt beim Stier Prince sein hervorragendes Fundament und die Produktivität seiner Töchter mit guten Euteranlagen. So stehen bereits einige seiner Töchter bereits in der 5. Laktation und die älteste Tochter(10 Jahre) im Betrieb  stammt noch aus dem Testeinsatz
•    Die Familie ist vom Gebrauch des Triple aAa-Index überzeugt und setzt schon seit Jahren auf dessen Einfluss- bereits als Jungrind werden sie einem Typ zugewiesen und nach dessen Einstufung zu ausgeglichene und langlebige  Kühe weitergezüchtet.
•    Die Durchschnittspunktierung des Ersten Semesters 2015 lag so bei 81,4Punkte
Ausklang fand die Betriebsbesichtigung an einem großen Tisch in der Küche, versorgt mit frischen Kaffe, Tee und Süssgebäck. Wie eine „grande familia“ wurde am Tisch diskutiert und verschiedene Ansichten der Holsteinzucht (Triple aAa und Genomik) abgewogen oder neu aufgerollt. Francesco Cobalchini informierte die Truppe noch über einzelne Projekte von INTERMIZOO und die vorangegangen Änderungen durch die Einführung der Genomik.  Ein interessanter Sonntagsvormittag mit Tischdiskussion in familiärer Runde für die Einen… und für die einzelnen Maschinenlieblinge der 2. Zago-Mischwagen in nur 2 Tagen!

Die Lehrfahrt fand seinen Ausklang im Historienstädtchen Bassano della Grappa:  touristisch bekannt durch seine vielen Grappa-Destillerien. Der 2 -stündige Aufenthalt stand zur freien Verfügung. So konnte noch einmal die gute italienische Hausmannskost erprobt, über die im 13. Jh. erbaute Holzbrücke „Ponte degli Alpini“ flaniert oder das eine oder andere Schlückchen Grappa genossen werden.
„Sará un piacere accompagnare gli amici del Junior Club del Sud Tirol a conoscere la Frisona in terra Veneta“, begrüßte Paolo Giusto am Anfang der Lehrfahrt. Auch für die kleine Truppe Südtiroler war es eine Freude die Chance bekommen zu haben, einen Blick hinter die Kulissen der Venediger Holsteinzucht auf hohem Niveau geworfen zu haben und auf den Anfangsspuren des Stieres Prince und seines nachhaltigen Zuchterfolges gereist zu sein!

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